Gelungener Auftakt der Biebricher Schlossgespräche

Biebrich-kl„Unserer Anliegen ist es, im Blick auf drängende und übergreifende Fragen des Sports miteinander ins Gespräch zu kommen." Mit diesen Worten begrüßte Vorstandsmitglied Ingo-Rolf Weiss im Namen der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) die zahlreichen Gäste. Viele waren der Einladung ins Wiesbadener Schloss Biebrich am 15. Mai gefolgt, um sich mit dem Leistungsgedanken in Sport und Gesellschaft zu beschäftigen.

Auch und nicht zuletzt das engagierte Fachpublikum leistete seinen Beitrag zu einer gelungenen Premiere einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe von DOA und hessischer Landesregierung, die unter dem beziehungsreichen Titel „Gesellschaft in Bewegung" im wunderbaren Ambiente hochherrschaftlicher Räumlichkeiten auch in Zukunft entsprechende Akzente setzen möchte. Dem besonderen Anliegen entspricht es dabei, das Phänomen Sport nicht isoliert, sondern explizit in seinen gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Bezügen zu betrachten.

In diesem Sinne war auch kein Sportwissenschaftler, sondern der Tübinger Moraltheologe Dietmar Mieth um das erste Wort und eine Betrachtung über die Perspektive der Leistungsgesellschaft gebeten worden, wobei er vor dem Hintergrund akuter Krisenerscheinungen sowohl deren Risiken und Nebenwirkungen als auch deren Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten thematisierte.

Anschließend wartete der vielfach ausgewiesene Darmstädter Soziologe Michael Hartmann mit einer höchst differenzierten und kritischen Analyse des Elitegedankens auf, die in einem Podiumsgespräch mit dem Hessischen Schulsportrefernten Thomas Hörold sowie dem Rektor der Wiesbadener Elly-Heuss-Schule, Reinhard Rzytki, weiter vertieft wurde. Dabei ging es nicht zuletzt um die Frage, ob und wie gerade die Schule der - empirisch nachgewiesenen - Benachteiligung Jugendlicher aus sozial unterprivilegierten Familien wirksam begegnen und spezifische Talente der Betroffenen trotz problematischer Mitgift langfristig zur Geltung bringen kann.

Großen Beifall fand auch die ebenfalls höchst anregende und kritische Analyse von Eike Emrich zu „Strukturen, Defizite, Perspektiven" des Leistungssports in Deutschland, zumal der renommierte Sportwissenschaftler der Universität Saarbrücken die Materie aus vielfältiger praktischer Erfahrung, unter anderem als Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes kennt. Zu seinen zunächst überraschenden, dann gut nachvollziehbaren Befunde zählte etwa, dass sich eine frühe Spezialisierung und frühe Förderung talentierter Sportlerinnen und Sportler im Blick auf den ganz großen Erfolg potentiell als kontraproduktiv erweist. Wie angesichts solcher und anderer Systemfehler tatsächlich Abhilfe zu schaffen ist, blieb allerdings eine offene Frage.

Praxisnah und zugleich auf hohem Niveau reflektierend waren auch die Ausführungen von Roland Baar, Meike Freitag, Cornelia Hanisch und Edgar Itt. In der von DOA-Direktor Andreas Höfer moderierten Abschlussrunde berichteten die ehemaligen Spitzenathleten über ihre Einstellung zum Leistungsprinzip und entsprechende Erfahrungen beim Übergang von sportlicher Karriere ins „Leben danach". Der vielfache Ruder-Weltmeister Roland Baar, für einige Jahre auch als Athleten-Vertreter im IOC, wies etwa darauf hin, dass man auch nach einer großen Karriere im Sport im Berufsleben in der Regel bei Null, gleichsam als „Praktikant" beginnen und sich aufs Neue durch Leistung für höhere Aufgaben qualifizieren müsse. Alle Athleten bestätigten, dass sie sich ihrer Vorbildfunktion bewusst gewesen seien und, wie etwa Fecht-Olympiasiegerin Cornelia Hanisch, auch dieser auch in ihrem beruflichen Wirken - als Lehrerin – gerecht werden wollen. Der frühere 400-Meter-Hürdenläufer Edgar Itt unterstrich, wie offen junge Menschen für seine Erfahrungen und Anregungen sind, die er als Motivationscoach inzwischen professionell weitergibt.

Auch wenn – nein, gerade weil im Rahmen einer Tagesveranstaltung zu einem solcherart anspruchsvollen Thema naturgemäß nicht alle relevanten Fragen aufgeworfen, geschweige denn erschöpfend beantwortet werden konnten, waren sich alle Beteiligten einig, dass der Auftakt Lust auf mehr gemacht hat. Dies bestätigte auch Heinz Zielinski, Abteilungsleiter im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport, der im Namen der Landesregierung bekräftigte, gemeinsam mit der DOA auf dem eingeschlagenen Weg weitergehen zu wollen.