Deutschland und die Spiele
Die 6. Bad Homburger Sportmanagement-Tage blickten auf die Meilensteine der Olympiabewerbung
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| Teilnehmende vor der Veranstaltung. © DOA |
Wie kann Deutschland Olympische und Paralympische Spiele erfolgreich ausrichten? Welche Herausforderungen warten auf dem Weg einer internationalen Bewerbung? Und welche Chancen ergeben sich daraus für Sport, Politik und Gesellschaft? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die 6. Bad Homburger Sportmanagement-Tage am 13. Oktober 2026. Rund 150 Teilnehmende aus Sport, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft folgten der Einladung der accadis Hochschule, der DOA und ihrer Partner.
Wenige Wochen nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und der Entscheidung für München als finalen Olympiabewerber, rückte die Tagung die nächsten Schritte im internationalen Bewerbungsprozess in den Mittelpunkt. Keynotes, Breakout-Sessions und eine Podiumsdiskussion boten vielfältige Perspektiven auf Deutschlands Meilensteine für Olympische und Paralympische Spiele.
Deutschlands Weg zur Olympiabewerbung
Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Florian Pfeffel (accadis Hochschule) und Ann Kathrin Linsenhoff (Land Hessen) eröffnete Kim Bui, DOSB-Präsidiumsmitglied und Athletenvertreterin im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), den Konferenztag mit einer Keynote zum Weg der Olympiabewerbung. Dabei ging sie auf die Entwicklung des nationalen Auswahlverfahrens sowie die Anforderungen des nun folgenden internationalen Bewerbungsprozesses ein.
„Deutschland profitiert schon jetzt,“ zeigte sich die dreimalige Olympiateilnehmerin optimistisch und hob die Ergebnisse hervor, die allein der Bewerbungsprozess in den vier Gebietskörperschaften bereits ermöglicht habe – von der „Sportmilliarde“ in Nordrhein-Westfalen bis zur verpflichtenden dritten Sportstunde in Bayern ab dem kommenden Schuljahr.
Anschließend stellte Stephan Brause, Ressortleiter Olympiabewerbung im DOSB, das Konzept hinter der Münchener Bewerbung vor und gab Einblicke in die Vision von Olympischen und Paralympischen Spielen in Deutschland. „Auch wenn wir mit München 20XX als deutschen Bewerber ins internationale Rennen gehen, bleibt unsere Vision dieselbe: Es geht um Spiele für ganz Deutschland“, so Brause. Er betonte, dass eine erfolgreiche Bewerbung „weit über die einzelne Sportstätte, die einzelne Stadt und die einzelne Region hinaus“ gehe und insbesondere Fragen der Nachhaltigkeit, gesellschaftlichen Akzeptanz und langfristigen bundesweiten Entwicklung in den Fokus rücken müsse.
Unterschiedliche Perspektiven in den Deep Dives
In drei parallelen Breakout-Sessions konnten die Teilnehmenden anschließend einzelne Aspekte der Olympiabewerbung vertiefen – im direkten Austausch mit Expert*innen:
Im Deep Dive „Kriterien oder Bauchgefühl?“ standen die Evaluationsberichte und die Systematik des nationalen Auswahlprozesses im Mittelpunkt. Anna-Maria Maetz, Teamleitung Konzeption im Ressort Olympiabewerbung des DOSB, erläuterte, welche Faktoren bei der Bewertung von Bewerbungen eine entscheidende Rolle spielen und wie Transparenz im Verfahren gewährleistet wird.
Die Session „Überholt oder zeitlos?“ widmete sich dem Verhältnis der Generation Z zum olympischen Gedanken. Prof. Dr. Fabian Ullrich von der accadis Hochschule beleuchtete, wie junge Menschen Sportgroßveranstaltungen betrachten, welche Erwartungen sie an den organisierten Sport stellen und welche Bedeutung olympische Werte heute noch besitzen – und konnte seine Analysen direkt von den Studierenden spiegeln lassen.
Der dritte Deep Dive beschäftigte sich mit der Rolle der Paralympics als „Sichtbarkeitsmotor“ im Bewerbungsprozess. Mit Laura Löffler, Abteilungsleiterin Leistungssportentwicklung im Deutschen Behindertensportverband (DBS), diskutierten die Teilnehmenden, wie es gelingen kann, dass alle Menschen die Spiele erleben können. Die Quintessenz: „Barrierefreiheit beginnt im Kopf“ und impliziert einen Mehrwert für alle, statt Sonderlösungen für wenige – bei Sportstätten, Mobilität und Tourismus, Information und Kommunikation.
Welche Chancen hat Deutschland im internationalen Rennen?
Unter der Leitung von ARD-Sportmoderator Florian Naß standen bei einer Podiumsdiskussion zum Abschluss die Stärken des deutschen Kandidaten, die Erwartungen des IOC und die Erfolgsfaktoren im internationalen Wettbewerb für Spiele zwischen 2036 und 2044 im Mittelpunkt. Neben Jens-Uwe Münker, Abteilungsleiter Sport im Hessischen Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege (HMFG), und Prof. Dr. Thomas Bezold von der Hochschule Heilbronn (HHN) waren erneut Stephan Brause und Kim Bui als Gesprächspartner*innen auf der Bühne.
Deutlich wurde, dass eine erfolgreiche Bewerbung nicht allein von ausgetüftelten Konzepten abhängt, sondern vor allem von der Fähigkeit, Menschen für die Idee Olympischer und Paralympischer Spiele zu begeistern. „Es ist eine Utopie, dass man die gesamte Bevölkerung hinter der Kampagne vereint“, betonte Bezold und verwies auf den Anteil von rund einem Drittel Gegenstimmen, die trotz des großen Zuspruchs beim Bürgerentscheid beachtet werden müssen. „Daher ist es zentral, die Kostenfrage transparent zu klären, damit viele Kritiker*innen abgeholt und von der Euphorie angesteckt werden.“
„Aus leistungssportlicher Perspektive könnte 2044 am günstigsten sein, weil bestimmte Züge in der Nachwuchs- und Spitzensportförderung noch nicht abgefahren sind“, sagte Münker auf die Frage, welches der drei Zeitfenster er bevorzuge. „Aber letztlich ist es mir wurscht – Hauptsache, wir bekommen die Spiele“, fügte er augenzwinkernd hinzu.
Brause ergänzte, dass Deutschland schlicht und einfach bereit sein müsse, wenn das IOC die Spiele wieder nach Europa vergibt – das entscheide sich frühestens 2029. Er plädierte dafür, die Bewerbung hierzulande „positiv kritisch“ statt „negativ kritisch“ zu begleiten. Im IOC sei der Tenor bereits ein positiver, ergänzte Bui: „Deutschland ist wieder da.“ Jetzt sei es wichtig, die Hausaufgaben zu machen und die nächsten Hürden zu nehmen – vom Strategic Dialogue bis zum Continuous Dialogue.
Plattform für Austausch und Zukunftsfragen
Die 6. Bad Homburger Sportmanagement-Tage zeigten einmal mehr, wie groß das Interesse an den Zukunftsfragen des Sports in Deutschland ist. Die Verbindung aus praktischen Erfahrungen und offenen Diskussionsformaten bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, aktuelle Fragestellungen der Olympiabewerbung einzuordnen und neue Impulse mitzunehmen.
Miriam Welte, die Vorsitzende der DOA, zeigte sich zufrieden: „Es ist wichtig, die Entwicklungen im organisierten Sport in Deutschland kontinuierlich zu begleiten, den Austausch zu fördern und gemeinsam Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Die Olympiabewerbung bietet uns die große Chance, neue Impulse für den Sport und seine gesellschaftliche Bedeutung in Deutschland zu setzen. Dafür braucht es einen offenen Dialog, wissenschaftliche Erkenntnisse und starke Partnerschaften. Genau das ermöglicht die Veranstaltungsreihe der accadis Hochschule, die wir als langjähriger Partner auch in Zukunft gerne unterstützen. Unser großer Dank gilt Florian Pfeffel, Lena Knackstedt und dem Team der accadis Sports Management Research Group, die das Event großartig organisiert und umgesetzt haben.“
